Urbane Reserven effizient nutzen

Wien, April 2016 – Österreichs Bevölkerung wächst: Laut Prognosen der Statistik Austria von derzeit 8,5 auf fast 9 Millionen Menschen im Jahr 2030. Vor allem die Einwohnerzahlen in den Ballungsräumen werden in den nächsten Jahren zulegen. Viele Städte wirken diesem Umstand mit Impulsen für die innerstädtische Wohnraumnutzung entgegen. In vielen bestehenden Gebäuden findet sich reichlich ungenutzter Raum – unter dem Dach.

In den nächsten anderthalb Jahrzehnten werden die Einwohnerzahlen in Wien, Graz oder Linz um mehr als zehn Prozent steigen.[1] Bauland ist in den Städten jedoch knapp, wo sollen die vielen Menschen also wohnen? Die Schaffung neuen Wohnraums aus bisher ungenutzten Flächen unter dem Dach ist eine mögliche Antwort auf diese Frage.

Die Nutzung der Dachböden als Reserveflächen wirkt auch einem bedenklichen Trend entgegen: der anhaltenden Bodenversiegelung. Darunter versteht man die Umwandlung von Grünflächen in Straßen, Parkplätze und die Bebauung mit Wohnhäusern oder Industrie- und Gewerbebetrieben. Einem Bericht der Österreichischen Raumordnungskonferenz ÖROK zufolge wurden im Zeitraum von 2001–2010 bundesweit 14,5 Hektar pro Tag versiegelt. Wenngleich die Versiegelung in der Periode 2007–2010 auf 7,5 Hektar pro Tag zurückging, ist sie laut Lebensministerium mit 5,2 Prozent immer noch deutlich schneller gewachsen als die Bevölkerung.

Preiswerter neuer Wohnraum

Experten sehen aber nicht nur das Problem der Bodenversiegelung, sondern auch des Platzmangels für neue Wohnbauten. Gleichzeitig bieten sie Lösungen an, etwa durch die effizientere Nutzung bereits vorhandener Bauten: Die Nachverdichtung ist eine probate Möglichkeit, wertvollen und lebenswerten Wohnraum zu generieren. Davon ist der Wiener Architekt DI Martin Rührnschopf, der auf menschengerechtes und ökologisches Bauen setzt und der schon viele Dachausbau-Projekte betreut hat, überzeugt. „Ein Dachboden wurde und wird oft als Raumreserve eingeplant und als Abstellraum genutzt. Relativ einfach und preiswert kann daraus bei Bedarf zusätzlicher wertvoller Wohnraum entstehen. Meist können Licht, Sonne und der Ausblick viel besser genutzt werden und durch Dachterrassen oder begrünte Flächen wird das wichtige Bedürfnis nach Freiraum und Grün erfüllt.“ Mit dem Lebensgefühl grün und urban – die Schaffung von Grünzonen im innerstädtischen Wohnraum verliere auch das eigene Auto an Notwendigkeit und Stellenwert, so Rührnschopf. Mit Solarkollektoren oder Photovoltaik am Dach könne außerdem eine sehr gute Energieperformance erzielt werden.

Gute Planung ist der Schlüssel

Planer und Architekten achten vor dem Ausbau auf die wichtigsten Planungs-Komponenten. „Guter Wärmeschutz ist eine von der Bauordnung vorgegebene Selbstverständlichkeit. Darüber hinaus ist der diffiussionsoffene, luftdichte, hinterlüftete und wärmebrückenfreie Aufbau des Dachausbaus wichtig. Besonderer Wert wird auf die Sommertauglichkeit gelegt. Dafür gibt es Berechnungsinstrumente, die sich bezahlt machen, damit es im Sommer unter dem Dach nicht zu heiß wird. Ganz wichtig sind auch der Sonnenschutz, ausreichend Speichermassen und Querlüftungsmöglichkeiten. Die aktive Luftzirkulation sollte stets gegeben sein. Mit einer ökologischen Materialauswahl lässt sich ein sehr angenehmes Raumklima schaffen“, erklärt Rührnschopf.

Innenstadt-Verdichtung nimmt zu

Immer mehr Städte setzen auf den Dachbodenausbau und es sind nicht nur Metropolen, die auf diese Weise neuen urbanen Wohnraum schaffen. Ein gutes Beispiel ist Wiener Neustadt: „Das Institut für örtliche Raumplanung der TU Wien hat in Auftrag der Stadt Wiener Neustadt 2009 einen Masterplan bis 2020 erstellt, der für innerstädtische Stadtviertel Strukturverdichtungen im Wohnbau vorsieht“, erklärt DI Robert Schweighofer, der Leiter der MA 4, Referat Stadt- und Raumplanung. Das Leben in der Stadt und auch am Stadtrand scheint immer attraktiver zu werden. „Wiener Neustadt wächst beständig – zwischen 2001 und 2011 gab es ein Bevölkerungsplus von rund 10 Prozent. In den vergangenen vier Jahren hat diese Entwicklung noch an weiterer Dynamik gewonnen. Heute sind wir bei mehr als 42.000 Einwohnern. Die Konzentration von diversen Funktionen in Städten zieht die Leute in den urbanen Raum und somit auch in die Innenstädte“, ist sich der Stadtplaner bewusst.

In Städten wie Wiener Neustadt ist die Altstadt allerdings flächenmäßig nicht sehr groß. Neu zu bauen oder zu verdichten ist nicht einfach. Stadtplaner Schweighofer: „Eine gute Option eröffnet in diesen Fällen der Ausbau von Dachbodenlandschaften als urbaner und besonders attraktiver Wohnraum. Seitens der Stadtplanung sind wir durchaus interessiert, diese Reserve zu aktivieren, ohne das architektonische Erbe dabei zu vernachlässigen.“ Dabei wird eng mit Architekten zusammengearbeitet.

Graz: Reserveflächen liegen brach

Ein Beispiel für einen stark wachsenden Ballungsraum, in dem noch viele Reserven in Form von ungenutzten Dachböden brachliegen, ist die steirische Landeshauptstadt Graz. Obwohl in Graz Quadratmeterpreise bis zu 500 € für Bauland bezahlt werden müssen[2], stehen allein rund 400 Dachböden, die der Stadt gehören, leer, weiß Nikolaus Lallitsch, Geschäftsführer von Raiffeisen Immobilien Steiermark. Für ihn ist die Situation unverständlich: „Natürlich kostet ein Dachbodenausbau unter anderem wegen der komplizierteren Statik und der Enge auf dem Bauplatz mehr als eine Neuerrichtung. Dafür spare ich auf der anderen Seite den Grundkostenanteil ein.“ Zusätzlich wirke eine Forcierung von Dachausbauten im städtischen Bereich dem ´Schwimmreifen-Effekt´ entgegen: „Derzeit dehnen sich die Städte ringförmig ins Umland aus und in der Mitte entsteht ein Loch, in dem niemand mehr wohnt.“

Heute pendeln rund 120.000 Menschen pro Tag aus dem Umland nach Graz. Der Dachbodenausbau könnte sowohl die Wohn- als auch die Verkehrssituation in Graz verbessern. Gerade im Grazer Stadtzentrum sind fast ausschließlich Gebäude mit Steildächern vorhanden. Die als UNESCO-Weltkulturerbe geschützte Grazer Dachlandschaft macht die Umsetzung von Dachbodenausbauten zwar architektonisch anspruchsvoll, bereits umgesetzte Projekte beweisen aber, dass Dachausbauten auch in diesem sensiblen Umfeld machbar sind.

Die Schaffung neuen Wohnraums in Österreich ist ein gegenwärtiges Thema. Die Bevölkerung wächst und möchte Infrastruktur und urbanen Wohnraum nutzen. Dies ist mit Dachausbauten zu realisieren. Der Dachstuhl wird zum Wohnraum, der ein positives Lebensgefühl weckt und neuen Platz schafft.

[1] Statistik Austria

[2] Laut ÖROK – Österreichische Raumordnungskonferenz

Projektvorstellung Poysdorf

Architekt DI Martin Rührnschopf
Hietzinger Hauptstraße 124 1130 Wien
http://www.ruehrnschopf.at/

Im Zentrum von Poysdorf in Niederösterreich entstand ein Umbau und Dachausbau auf einem Weingut. Das L-förmige, eingeschossige Winzerhaus aus dem 19. Jahrhundert sollte modernisiert und erweitert werden. Somit bot sich der Ausbau des Daches an, da der Platz im Zentrum des Ortes gering ist. Mit einer großzügigen Dachverglasung wurde Licht ins Innere des Hauses gebracht. Zur Querbelichtung und Querlüftung wurden elektrische steuerbare Dachflächenfenster eingeplant.

Projektvorstellung Graz

Architekt DI Martin Strobl jun.
Schillerstrasse 47/II
www.strobl-architektur.at

Privater Dachgeschossausbau in der Innenstadt von Graz